FILMARCHIV
 
UNERHÖRT! Musikfilmfestival 2007 – TEIL I

 

196 BPM

Romuald Karmakar I D I 2003
Love Parade Berlin 2002 by night, in zwei Teilen. Mit langen, fixen Einstellungen zeigt Karmakar, wie es aussieht, wenn die weltberühmteste Techno-Party sich nachts auf die Stadt verteilt – Gegenbilder zum offiziellen, taghellen Karneval-Image. Im zweiten Teil steht Karmakar im Club, direkt vor dem DJ-Pult von DJ Hell (einem der international profiliertesten deutschen Techno-DJs). In seiner rekordverdächtig langen Handkameraeinstellung sieht man die Arbeit des DJs, seine Extase, das tanzende Publikum; aber auch Karmakars Gespür für richtige Kamerabewegungen und angemessene Bildausschnitte.
 
 

ALS UNSERE LIEDER NOCH WILD & GEFÄHRLICH WAREN

Herbert Schwarze I D I 2005
2003, die FEHLFARBEN in Berlin: "Wenn die Wirklichkeit dich überholt, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol." Deutscher Punk at its best, so war das 1982, "es geht voran": Ein Wachturm, der an die Mauer erinnert, neben einem Toys R Us-Container... Vom trotzigen Jungen, das war 1968, zum nackten Mann, der in Christus-Pose am Strand liegt... Nie, nie wieder Auschwitz, aber Bomben auf Belgrad, es fährt kein Zug nach Nirgendwo... Zeitenmischung & Karaoke, those were the days.
 
 

CAN NOTES

Hildegard Schmidt I D I 2003
2003 feierten die international einflussreichsten Krautrocker von Can 35-jähriges Band-Jubiläum. Aus diesem Anlass stellt der Film die Musiker in Einzel-Portraits vor. Auch die Anekdote kommt nicht zu kurz; zum Beispiel, wenn Schlagzeuger Jaki Liebezeit sein schönstes Studioerlebnis erzählt, als er einmal Can-Bassisten Holger Czukay mit der Axt erschlagen wollte. Die sehr persönlichen Aufnahmen stammen von Regisseurin Hildegard Schmidt, der Ehefrau von Can-Organist Irmin, die als Managerin der Gruppe immer mit der Kamera dabei war.
 
 

CONGO SQUARE

Michael Schehl I D I 2005
Congo Square ist ein Platz in New Orleans, der einzige Ort im Süden der USA, wo die schwarzen Sklaven des 19. Jahrhunderts sich sonntags unbeaufsichtigt zum Tanzen und Singen versammeln durften. Ihnen war das schriftliche Wort auf Todesstrafe verboten, weshalb Musik eine so herausragende Bedeutung als andere Form der Reflexion und Philosophie für die Ideenwelt des „Black Atlantic“ erlangte. Gitarrist Jean-Jacques Bourelly und Soziologe Paul Gilroy organisierten 2004 ein Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Diese Dokumentation zeigt in von Interviews flankierten Konzertausschnitten, was der Herzschlag der Musik des Black Atlantic ist: spontaner Dialog, Interaktion, Improvisation – mit viel Prominenz aus allen Regionen der schwarzen Diaspora: Archie Shepp, Doudou N'Diaye Rose, Cindy Blackman (u. a. Schlag-zeugerin bei Lenny Kravitz), Torch (Urgestein des deutschen Consciousness Raps), DJ Spooky und viele, viele mehr.
 
 

DANCEFLOOR CABALLEROS

Dirk Boll I D I 2006
17 junge Hipster aus Havanna -DJs, VJs, Produzenten mit Laptops – wollen ihre Musik hinaus ins Land tragen und Werbung für ihren Sound machen, ein Mix aus traditionellen kubanischen Rhythmen und Techno. Ein Film über und mit Provinz-Groupies, einem kaputten Band-Bus, Sponsorensuche im Sozialismus und Konflikten mit Vertretern einer anderen Subkultur: mit kubanischen Rockern!
 
 

ELECTROMA

Daft Punk (Thomas Bangalter, Guy-Manuel de Homen-Christo) I FRA I 2006
„Wir hatten die gleiche Intention bei diesem Film wie beim Musikmachen: keine Regeln, keine Standards.“ Zwei Roboter – in Daft Punk Lederjacken von Hedi Slimane – versuchen vergeblich, Menschen zu werden. Der Film operiert ohne Dialog, mit Mikro-Handlung, er vertraut auf die erzählerische Kraft stilisierter Bilder, in Kombination mit einigen Lieblingssongs der beiden filmemachenden Musiker. Der Kult geht weiter …
 
 

FEIERN - DON'T FORGET TO GO HOME

Maja Classen I D I 2006
19 internationale Talking Heads der Berliner Techno-Szene (Label-Besitzer, Barbetreiber, DJs) sprechen ungeschminkt über Musik, Drogen, Sex – nach dem Motto: Techno endlich wieder Underground! Sehr eigen fotografierte Club-Impressionen unterteilen die Sequenzen nach thematischen Kapiteln: Um die symbiotische Beziehung zwischen Musik- und Drogenkonsum wird nicht drumrum geredet; genauso wenig um den Preis, den man für Exzesse zahlen muss. Eine Dark-Room-Schilderung ist in ihrer stupenden Natürlichkeit fast schon wieder romantisch. Man hat es hier mit aufgeschlossenen Urban-Culture-Aktivisten zu tun, die die Verantwortung für ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Ermutigend.
 
 

GLASTONBURY

Julien Temple I UK I 2006
Julien Temple ist der erfolgreichste Musikfilm-Dokumentarist Großbritanniens. Er zeichnete für Filme wie „The Great Rock'n'Roll Swindle“, „Absolute Beginners“ und zuletzt „Joe Strummer – The Future Is Unwritten“ verantwortlich. 1971 war es ihm ein unvergessliches Erlebnis, David Bowie auf dem Glastonbury-Festival bei Sommerset (in der Nähe von Stonehenge) live zu erleben. 35 Jahre später macht er aus 900 Stunden Fremd- und Eigenmaterial eine 138-minütige Huldigung. Sein Streifzug durch die Geschichte dieses ältesten und größten Open Air-Events der Welt umfasst Aufnahmen vom Bühnengeschehen (David Bowie, Velvet Underground, Nick Cave, The Smiths, Pulp, Chemical Brothers und etliche mehr), Interviews mit dem Organisator Michael Eavis und Beobachtungen der Festival-Besucher.
 
 

HALBER MENSCH

Sogho Ishii I JPN I 1986
Der japanische Kult-Regisseur Sogo Ishii („Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb“) filmt die Einstürzenden Neubauten auf ihrer Halber Mensch-Welttournee zum gleichnamigen Album auf Station in Japan 1985. Ishii stellt die Band beim Musizieren in eine verlassene Lagerhalle, umkreist sie auf Schienen, schwebt im Kran über ihr. Heraus kommt eine von jeglicher Live-Event-Authentizität befreite Bearbeitung zentraler Neubauten-Motive wie Krach und Stille, Zerfall, Maschinenschrott, Schmutz, Energie. Kommentiert wird das Ganze durch eine Parallelmontage mit japanischen No-Theater-Darstellern: sehr ästhetisch, sehr eigen, sehr japanisch. Und doch unverkennbar: die Neubauten.
 
 

HEIMATKLÄNGE

Stefan Schwietert I CHE I 2007
Stefan Schwietert („A Tickle In The Heart“ u. a.) widmet sich in seinem neuen Film der helvetischen Gesangsform des Jodelns. Sowohl Berg- als auch Stadtlandschaften bilden den Hintergrund eines Dreier-Porträts der Schweizer Vokal-Akrobaten Erika Stucky, Noldi Alder und Christian Zehnder. Die drei kombinieren das volkstümliche Jodeln mit experimenteller Musik und erschaffen so eine neue, ganz eigene musikalische Sprache.
 
 

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