FILMARCHIV
 
UNERHÖRT! Musikfilmfestival 2008 – Teil I

 

498, THIRD AVENUE

Klaus Wildenhahn I D I 1967
Merce Cunningham und seine Tanztruppe: Hauptfiguren in der Dokumentation über John Cage, den UNERHÖRT! in 2007 zeigte und Klaus Wildenhahn 1966 drehte. Ein Jahr später realisiert der Mann, der Direct Cinema im deutschen Fernsehen etablierte, das Anschlussprojekt: während des heißen Sommers '67 in New York erarbeitet die Cunningham-Truppe in ihrem Studio, 3rd Avenue, Hausnummer 498, eine Choreographie. Cunningham entwickelt mit seinen Solisten die ersten Bewegungsabläufe, stellt vorläufige Zusammenhänge her und erprobt Wirkungen bei einer Gartenparty, die von einem Gönner in der Nähe von New York veranstaltet wird. Dann gehen die Proben weiter. Nach zwei Monaten ist die Produktion fertig. Der Film zeigt Tanz als Arbeit: Anstrengung, Erschöpfung, aber auch Spaß und Phantasie. Die Cunningham-Truppe ist Avantgarde. Also handelt der Film auch von den existentiellen Konflikten dieser Truppe. Wovon leben die Tänzerinnen und Tänzer? Was haben sie für eine Zukunft?
 
 

AUFBRUCH INS INNERE - DER KOMPONIST MATTHIAS PINTSCHER

Klaus Voswinckel I D I 2007
Abstrakte akustische Räume zu bauen, den Mut zur reduzierter Rhythmik aufzubringen und die Reduziertheit zu optimieren, so beschreibt Matthias Pintscher selbst seine Arbeit in den letzten Jahren. Matthias Pintscher, geboren 1971 in Nordrhein Westfalen, ist einer der herausragendsten zeitgenössischen Komponisten seiner Generation. Seine Klangentdeckungen begeistern Orchester weltweit, er selbst lebt in Frankfurt und Paris und versteht es als Privileg, als Deutscher einen Platz in der französischen Kulturmetropole erhalten zu haben. Seine Oper „Der letzte Raum“ wurde 2004 dort uraufgeführt. Aber auch für die Berliner Philharmoniker hat er komponiert. Den Einfluss seiner Arbeiten und seiner Person auf die moderne E-Musik fassen Simon Rattle, Siegfried Mauser und Walter Norris in Worte. 2007 wurden beim Luzern Festival verschiedene Kompositionen Pintschers aufgeführt; „Monumento 5“, das sich mit dem Dichter Arthur Rimbaut beschäftigt, von Pierre Boulez dirigiert. Mit Ausschnitten aus den Konzerten, Interviewsequenzen, Impressionen aus Paris und Luzern und einem sich stringent durch den Film ziehenden, stillen Piano-Thema porträtiert Klaus Voswinckel einen ebenso zurückhaltenden wie genialen Künstler.
 
 

BERLIN SONG

Uli M. Schueppel I D I 2006
Der Berliner Filmemacher Uli M. Schueppel hat sich die Stadt, in der er seit den 80er Jahren lebt noch einmal zeigen lassen, von sechs Undergroundmusikern der Folkszene: Elisabeth Wood (Fancie), Einer Stenseng, Kat Frankie, Josepha und Philip Conrad (Crazy for Jane), Tommy Simatupang und Nathan Vanderpool. Sie stammen aus aller Welt und haben für den Film je einen Song über die Stadt geschrieben, in der sie jetzt leben. Schueppel hat sie ein Jahr lang begleitet, mit seiner Kamera. Um solch einen Film zu machen, braucht man kein großes Team und so entsteht Flexibilität und Spontaneität. Am Ende gibt es ein für den Film organisiertes, gemeinsames Konzert. Schueppel zeigt es uns nicht, obwohl er es mit vier Kameras mitgedreht hat. Er zeigt nur den anschließenden Applaus. „Ein Konzert lebt von seiner Atmosphäre. Man muss im Rauch stehen, ein Bier trinken, dabei sein. Im Film ist so etwas langweilig,“ meint er. Mag sein. Auf jeden Fall ist es ihm mit „Berlin Song“ gelungen, einen atmosphärischen und poetischen Film zu drehen. (mit Textauszügen Filmkritik von Nana A. T. Rebhan)
 
 

BLONDIE - ONE WAY OR ANOTHER

Matt O’ Casey I UK I 2006
Hört man Blondie, denkt man an die charismatische Frontfrau und einzigartige Sängerin Debbie Harry. Blondie ist aber eine Band, und zwar mit sieben Nr. 1 Single-Hits die erfolgreichste Band im Pop/Wave. Die Geschichte erzählen die Bandmitglieder: von ihren einfachen Anfängen 1974 im frostigen New Yorker Loft und im legendären CBGB´s bis zur Aufnahme in die Rock´n´Roll Hall of Fame. Dieser Film folgt der Erschaffung des typischen, innovativen Blondie-New-Wave-Sounds, der die Elemente der klassischen Girl Group Vocals, Energie des Punk, Disco-Glanz, Keyboards, Aspekte der Weltmusik und auch den ersten Rap, der auf einer Pop-Platte erschien, kombinierte. Die Band hatte aber auch mit Finanzkrisen, gescheiterten Beziehungen und schweren Drogenproblemen zu kämpfen, die ihre Karriere verfrüht beendeten. Ein unwahrscheinliches Comeback verfestigte dann aber ihren Platz als Stil-Ikonen eine Dekade später. Auch im Interview: Iggy Pop, Tommy Ramone, Talking Heads, Mike Chapman,Fab 5 Freddy und vielen mehr.
 
 

BOLLYWOOD - INDIES KLINGENDES KINO

Nele Münchmeyer I D I 2004
Dass das indische Kino "Made in Bombay/Mumbai" ein Planet der Musik und des Tanzes ist, hat sich mittlerweile bis nach Deutschland herumgesprochen, wo mittlerweile sogar das Quoten-orientierte Privatfernsehen eine Nische für die Erfolgsfilme vom Subkontinent eingerichtet hat. In einer 60-minütigen filmischen Einführung rückt Nele Münchmeyers Beitrag "Bollywood - Indiens klingendes Kino" die entscheidenden Macher in den Blickpunkt, und das sind noch vor den Filmhandwerkern die Komponisten, Choreographen und die musikalischen Interpreten. In der folgenden Experten-Diskussion wird es dann um die einzigartige Fähigkeit von Bollywood gehen, alle erdenklichen Einflüsse zu verarbeiten, von Flamenco über klassische Musik bis zu diversen Charts-kompatiblen Pop-Sounds westlicher Provenienz - und trotzdem visuell UND musikalisch "typisch indisch" zu bleiben. Was macht diese Aneignungskraft dieses Kinos aus? Wie hat es sich über die letzten Jahrzehnte entwickelt? Wo hat es sich mit welcher Wirkung Dinge abgeschaut/abgehört? Mit welchen kulturellen und ökonomischen Auswirkungen? Lässt sich dieses Kino überhaupt als Spiegel für komplexere gesellschaftliche Prozesse analysieren? Nach der Diskussionsrunde kann dann umso ausgelassener gefeiert werden, und zwar zur Bollywood-Rarität DISCO DANCER, die bereits 1983 entstand und tropfend-kitschiges Melodram mit musikalischen, kostüm- und ausstattungstechnischen 80er-Dancefloor-Exzessen zu einem Bild-Ton-Rausch verquirlt!
 
 

DIE AKKORDEON-SPIELERIN

Biljana Garbanlieva I D MAZ I 2006
Ein Mädchen mit enormem Akkordeon-Talent aus der Provinz und ihr Versuch, einen wichtigen nationalen Wettbewerb mit einem ramponierten Instrument zu gewinnen.
 
 

DISCO DANCER

Babbar Subhash I IND I 1983
Schon lange versucht der Hochzeitssänger und Tänzer Jimmy, die Schmach seiner Kindheit in den Armenvierteln Bombays hinter sich zu lassen. Das Engagements seines Managers kommt da wie gerufen und Jimmy wird in die glitzernde Discowelt katapultiert. Alles läuft gut bis eine 5000-Volt-Gitarre den tragischen Tod von Jimmys Mutter verursacht. Paralysiert und auch noch selbst verletzt tritt der John Travolta Indiens im großen Tanz-Wettbewerb-Showdown seinen Konkurrenten gegenüber. Action, Herz, Schmerz und Discorhythmus in der eigenwillig-überzogenen indischen Saturday-Night-Fever-Variante von Babbar Subhash. Inspiriert vom einem der „Hindi-Hits“ aus diesem Film haben Devo 1988 ihren Song „Disco Dancer“ produziert. Für Bollywood mit 135 Minuten fast als Kurzfilm zu bezeichnen, ist der Kultklassiker einer der ersten dieses Genres, der sich sehr direkt Musik-Einflüssen aus der westlichen Welt öffnet.
 
 

DISCO LOVE MACHINE - IM BEAT LIEGT DIE SEHNSUCHT

Oliver Schwabe I D I 2008
Oliver Schwabes Handschrift im Filmgenre Dokumentation ist einzigartig. Seine Collagen aus deutschem TV-Material – Berichte, Nachrichten, Interviews–, vergessenem Live-Material und Videos haben eine besondere Erzählsprache. In seiner Vorgänger-Dokumentation „My Generation – Der Sound der Revolte“ (UNERHÖRT! 2007) beschäftigte er sich mit dem Aufbegehren der Jugend von den 60ern bis heute, diesmal hat er sich Disco gewidmet –dem Musikstil und dem Ort. „Die Temperaturen und der Umsatz steigen in den 8000 deutschen Diskotheken,“ berichtet Ernst Peter Lueg 1979 als das Discofieber aus New York überschwappte. Die von Schwabe für den Film interviewten Musiker und DJs Hans Nieswandt und Khan ordnen das Phänomen, die Songs und Texte musik- und soziohistorisch ein und verdeutlichen den Bezug zum aktuellen Techno-House-Paralleluniversum. Als Zeitzeugen kommen Discofans in den 80ern, Kurt Hauenstein (Supermax), Barry White uvm zu Wort. Vor allem aber spricht die Musik: Kristof Schreuf (ex-Kolossale Jugend) interpretiert einige Hits der Zeit neu. Und die ihren Meilensteinen gebührend lang gezeigten Auftritte von u.a. Sister Sledge, Barry White, The Trammps, Chic, Hot Chocolate, Depeche Mode, Gloria Gaynor, Donna Summer, Human League, The Cure, Grace Jones, Divine liefern einen Weltklasse-Soundtrack.
 
 

ELVIS UND ICH

Michael Sommer I D I 2006
Hermine bekommt zu ihrem siebzigsten Geburtstag den Auftritt eines Elvis-Imitators geschenkt. Sie glaubt, Elvis sei zurückgekehrt. Hermines Sohn Aaron hat allerdings Probleme mit dieser (Wieder-)Begegnung. Abschlussfilm an der Hamburg Media School.
 
 

GEORGE CLINTON: TALES OF DR. FUNKENSTEIN

Don Letts I UK I 2007
“Free your mind and your ass will follow”... Punkfilm-Legende Don Letts ist wieder da mit einer Sammlung von Portraits ikonographischer Figuren der Black Music. Diesmal untersucht Letts den unbestrittenen Godfather of Funk, George Clinton. Während Clinton eine verwirrende Anzahl von Persönlichkeiten und Verkleidungen unterhielt, blieb er funky und über die Dekaden maßgeblicher Originator, angefangen vom frühen Doo-Wop und Motown-beeinflusstem Soul über die verrückten 70er mit Parliament/Funkadelic bis zu seinem enormen Einfluss auf den HipHop durch das Sampling seiner Musik. Eine bohrende und oft heitere Dokumentation durch die Person Clinton selbst inklusive Statements von mehreren P-Funk Veteranen und verschiedenen Jüngern wie Andree 3000, Macy Gray und G-Shock von Digital Underground.
 
 

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