Music Is The Art Of Time – LP Films

Varja Močnik, Igor Zupe

Buldozer – Spit Truth Into The Eyes
Pankrti – No Fun
Laibach

Musik ist die Kunst der Zeit: Nach diesem Motto hat die in Ljubljana ansässige Productionsfirma Nord Cross Prod. innerhalb von 12 Jahren drei Filme hergestellt, die drei wichtige LP-Produktionen aus dem slowenischen Underground vorstellen – wobei alle drei Projekte aus der Zeit stammen, als Slowenien noch Teil von Jugoslawien war und die Wirkung dieser Werke entsprechend breiter ausfiel. Das Konzept von Nord Cross nimmt das eigene Motto auch insofern wörtlich, als es „Zeit“ auch versteht als die Summe der Bedingungen, die das Entstehen dieser Musik umrahmt haben. Zeit als spezifische Verhältnisse, die Kunst (mit-)formen, sie hervorbringen. „Zeit“ aber auch als spielerischer Parameter: In allen drei Filmen läuft jeweils das komplette Album – meist natürlich als Hintergrundmusik – von vorne bis hinten durch! Auch darauf soll der Titelzusatz „LP Film“ verweisen. UNERHÖRT! zeigt alle drei Filme in einer Vorführung zusammengefasst, aber nicht in der Chronologie ihres Entstehens, sondern in der Chronologie des Entstehens der vorgestellten Platten.

Regie: Varja Močnik (Buldozer), Igor Zupe (Pankrti & Laibach)

Land: SLO
Jahr: 2006 (Pankrti) 2016 (Buldozer), 2018 (Laibach)
Länge: ges. 152 Minuten

 

 

 

Buldožer– Spit truth into the eyes
Buldožer gilt als eine der Schlüsselbands des ehemaligen Jugoslawiens. Ihr Debüt-Album von 1975, Pljuni istini u oči (Spit Truth into the Eyes), hat die musikalische Landschaft der Region nachhaltig verändert. Der ProgRock der Band war ein Gemisch ganz vieler Einflüsse, die Spanne reicht von populärem Rock über Alternativen Pop bis zu Jazz, die in ihrer Musik zu einem einzigartigen Stil zusammenfanden und sich gewissermaßen frontal gegen die seinerzeit etablierte lokale Pop-Szene richtete.

Die Kunst der Band Buldožer war eine allumfassende: Ihre Bühnenauftritte kamen manischen Ausbrüchen kreativen Irrsinns gleich. Die einen schockierte das, die anderen schlug es in ihren Bann. Die Liedtexte waren Poesie der Ironie und Absurdität. Die Wortketten schienen nichts zu bedeuten, und doch krochen sie in die Alltagssprache der Leute und wurden zu Redewendungen. Ihr Verhältnis zu den Medien existierte nur in Form von Verhöhnungen; immer ging es darum zu entlarven, wie bereitwillig diese jede nur denkbare Scheiße unter die Leute brachten, so lange sie sich davon Aufmerksamkeit versprachen – und dies noch zu sozialistischen Zeiten!

Die erste Buldožer-LP verdichtet all das in einem Werk. Nicht nur gelang es, viele Exemplare in den Handel zu bringen, bevor das Album letztlich verboten wurde, es hat wirkt auch vier Jahrzehnte nach seinem ursprünglichen Erscheinen noch nachhaltig: Bisher hat noch jede nachfolgende Generation von Musikern und Musikfans aus allen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens die Platte wieder neu für sich entdeckt und für sich beansprucht. In dem Film erinnern sich Bandmitglieder wie Freunde und Fans. Ihre Kommentare sind im Stil gefaketer TV-Nachrichten gedreht und mit weiteren inszenierten Elementen collagiert, ebenso mit Grafikdetails des aufwändigen LP-Covers, mit Animationen und natürlich mit reichlich Archivmaterial. Das Ergebnis ist ein frischer, surrealistisch komischer Dokumentarfilm, der nicht nur von einer Band und deren legendärem Album handelt, sondern von einer ganzen Gesellschaft, bis in die Gegenwart.

Pankrti – Dolgcajt (No Fun)
Die Platte, um die es hier geht, stammt von der Band Pankrti (Bastarde) und ist mit Dolgcajt (No Fun) betitelt. Sie kam 1980 heraus, noch kurz vor dem Tod des jugoslawischen Präsidenten Tito. Pankrti waren der Katalysator für zahlreiche Ereignisse der lokalen Musikszene, sie sorgten für den Abgleich populärer Kultur in dem sozialistischen Staat mit dem, was an neuen Bewegungen im Westen aufkam. Damit gelang es ihnen, aus einer hermetischen Gesellschaft auszubrechen und letztlich den Lauf der Geschichte zu ändern.

Der Film konzentriert sich auf Ereignisse in Jugoslawien zwischen 1977 und 1980, einer Zeitspanne, die vom ersten Konzert Pankrtis – dem allerersten Punk-Konzert jenseits des Eiserenen Vorhangs! – bis zur Veröffentlichung des Dolgcajt-Albums reicht, der ersten Platte der Band. Der Film hilft uns, ein Gefühl für diese Zeit – Ende der 1970er Jahre – und diese Verhältnisse – das Leben in einem ganz speziellen sozialistischen Staat – zu entwickeln, mit viel Archivaufnahmen aus dem damaligen Staatsfernsehen, aber auch mit zahlreichen Privataufnahmen. Musiker, Journalisten, Kritiker und weitere Szeneangehörige von damals erzählen von ihren Erfahrungen – mehr als 60 Zeitzeugen treten hier vor die Kamera. Und doch gibt es eine Art Hauptfigur des Films: Marin Rosić, ein treuer Fan. Als Dolgcajt (No Fun) herauskam, war er gerade einmal 15 Jahre alt. Und doch glaubt er bis heute an die Botschaft, die diese Musik vermittelte. Er ist vollkommen überzeugt: „Ohne Punk und ohne diese Platte wäre die Berliner Mauer erst sehr viel später zusammengebrochen!“

Laibach
Im dritten, ganz neuen LP-Film geht es um die erste offizielle Veröffentlichung der Avantgarde-Rockband Laibach im Jugoslawien des Jahres 1985. Der Bandname fiel seinerzeit unter ein politisches Verbot, weshalb auf dem Cover der Platte keinerlei Titel oder Name stand. Ein einfaches schwarzes Kreuz reichte, um deutlich zu machen, wer dieses Album gemacht hatte. Der Film beschränkt sich auf die ersten fünf Jahre der selbsternannten „Ingenieure der menschlichen Seele“. Er erforscht die Hintergrundbedingungen, die zur Entstehung des ersten Albums der Band führten, wobei auch der tragische Tod des allerersten Laibach-Frontmanns Tomaz Hostnik (1961 – 1982), „das Rätsel innerhalb des Puzzles im Herzen des Mysteriums“, eine wichtige Rolle spielte.

Der Film kombiniert Aussagen von Bandmitgliedern, deren Kollegen und Zeitgenossen mit Archivmaterial und weiteren Elementen und dringt so vor zu den Strategien und Taktiken von Laibach und Laibach Kunst während der ersten Hälfte der 1980er Jahre, zu den Visionen der Band, zu ihrer Gewitztheit, und begleitet sie bis zu ihrem Durchbruch durch den Eisernen Vorhang und ihrer „Eroberung Europas“.

Auf diese Weise geht der Film weit hinaus über eine raunende Bestätigung von Laibachs Monumentalitätsmythos und verschafft dem Zuschauer eine wesentlich intimistischere Perspektive sowie Zugang zu bislang unbekannten Geschichten. Zusammen mit der Musik der Platte besinnt sich der Film auf die Basis des Laibach-Werks – eine notwendige Bestandsaufnahme, nachdem das Image der Band als souveräne Provokateure durch ihren Ausflug nach Nordkorea doch ziemlich gelitten hatte (wie letztes Jahr im Film LIBERATION DAY zu bestaunen war).

Weitere Informationen

www.strup.si