„Was bleibt nach dem Tode?“, fragt die ehemalige Ost-Band Stern Combo Meißen in ihrem Disco-Film 'Kampf um den Südpol'. Oder anders gefragt: Was bleibt nach dem Mauerfall?
Die Antwort ist einfach: die Auferstehung der ostdeutschen Musikkultur. Und diese wurde zum zwanzigsten Jubiläum des Berliner Mauerfalls mit einem einzigartigen Programm im Rahmen des UNERHÖRT! Musikfilmfestivals Hamburg vom 3. – 6.12. zelebriert. Neben Highlights wie der DEFA-Disco-Filmreihe wartete das Festival mit einem geballten Porträt ostdeutscher Musikfilmkultur auf, die im Westen für Furore sorgen wird. Ergänzt wird dies um Dokumentationen aus westdeutscher Perspektive.
In
'Achtung! Wir Kommen' (Regie: Karl G. Hardt) untermalt brachialer Gitarrensound zwanzig Jahre Popgeschichte unter den sich wandelnden Bedingungen der Wiedervereinigung. Es darf auch gelacht werden, wenn die Musiker von Blind Passengers, Die Skeptiker, Sandow und Feeling B versuchen, die durch den Mauerfall bedingte „Eskalation der Möglichkeiten“ zu verkraften.
Auch Claudia Lehmanns
'Hans im Glück' porträtiert die Zusammenstöße des musikalischen Individuums mit der Vor- und Nachwendezeit. Mit Charme und Ironie folgt der Film dem Musiker Hans Narva, u.a. Sänger/Bassist bei den Hands Up Excitement (die bei UNERHÖRT! auch live dabei sind) sowohl in den „Prenzl'berg Underground“ als auch in die Abgründe seiner Existenz.
"Ich schlafe mit jemandem, wenn es mir Spaß macht. Ich nenne einen Eckenpinkler Eckenpinkler. Ich bin die, die bei den Tornados rausgeflogen ist. Ich heiße Sunny." Provokant zeigt der DEFA-Klassiker
'Solo Sunny' von Konrad Wolf das Leben der eigenwilligen Schlagersängerin Sunny aus Ost-Berlin und die Organisation des Pop im sozialistischen Alltag.
Wer sich für die wahren Begebenheiten hinter dem bekannten DEFA-Film interessiert, kann Sunny in Alexandra Czoks Dokumentation
'Solo für Sanije' von einer anderen, ernüchternden Seite kennenlernen.
Eine besondere Rarität ist die Reihe der
DEFA-Disco-Filme. Die als Musikclips, Kunstfilm-Miniaturen oder Kurz-Dokus verwendeten Disco-Filme greifen sämtliche Genres von Schlager über Rock bis Jazz auf und zeigen uns die ästhetischen Vorstellungen des Pops in der DDR und einer sich auch im Sozialismus ankündigenden Musikvideokultur. Bei Discofilmen über Günther Fischer, Manfred Krug, Floh de Cologne, Elektra, Modern Soul und Rugby oder City schlagen die Herzen aller Retro-Fans garantiert höher.
Einen westlichen Kontrast bietet Birgit Herdlitschkes Porträt des Frontmannes der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld in
'Das letzte Biest am Himmel – Blixa Bargeld'. Bargeld verkörpert eine der schillerndsten Figuren des deutschen Post-Punks. Doch nicht nur er kommt zu Wort, auch einige seiner prominenten Wegbegleiter wie z.B. Nick Cave und seine Mutter äußern sich.
Um den Westberliner Post-Punk dreht sich ebenfalls alles in
'Okay Okay - Der Moderne Tanz' von Christoph Dreher. Als Meilenstein des Experimentalfilms gefeiert, gehen postpunkige Stadtansichten, Aufnahmen aus dem legendären Kreuzberger SO36 und die Musik von Chrome, PIL, Residents oder Pere Ubu ineinander über.
Wir danken unserer Gastautorin Kathrin Raczek, freie Journalistin, Hamburg.
Bei UNERHÖRT! on tour in Berlin laufen
„Hans im Glück“ & Konzert der Band Hands Up Excitement
10.12., 21 Uhr Eiszeit Kino
- in Anwesenheit der Regisseurin Claudia Lehmann, Hans Narva und Band
„Das letzte Biest am Himmel – Blixa Bargeld“
13.12., 18.15 Uhr Eiszeit Kino
- in Anwesenheit der Regisseurin Birgit Herdlitschke
Ein Film von Wendla Nölle
Nicht verpassen: Am 25.7. lief Wendla Nölles großartiger Debütfilm, den wir 2008 beim UNERHÖRT! Musikfilmfestival gezeigt haben, auf ARTE (Wiederholung am 29.7. 01.40 Uhr). Für alle die den Film verpasst haben: Man kann ihn noch einige Tage online auf arte+7 sehen:
arte +7
Jeremiah Lockwood sitzt in der U-Bahnstation des New Yorker Times Square und singt aus tiefster Seele. Menschen ziehen an ihm vorbei, mit Blick auf die Uhr, denn New Yorker haben für gewöhnlich wenig Zeit. Und doch - sie haben ihn bestimmt gehört, denn seine Musik ist einzigartig.
Wendla Nölle hat genau hingehört und hingesehen: Ihr Film The Chosen Ones (Jüdische Rapper und singende Rabbis in New York) stellt auf sehr persönliche Weise die junge jüdische Musikszene in der pulsierenden Metropole vor und zeigt, wie diese Tradition und Moderne miteinander verbindet. Religion mit Beat unterlegt, mitreißend, humorvoll, nachdenklich und berührend.
In einem gekonnten Wechsel von Musikauftritten und Interviews findet die Regisseurin Antworten auf Fragen wie: „Was bedeutet ihr jüdischer Glaube für die Musiker?“, „Was heißt es, Amerikaner und Jude zu sein oder schwarz und jüdisch?“.
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