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2 Kom.
Spoiler-Alert:
Bernd Schochs
ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT
hat Premiere in Duisburg
35. Duisburger FilmwocheBernd Schochs
ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT
hat Premiere in Duisburg
10.11.2011
22:30
filmforum Duisburg
Bernd Schoch, künstlerischer Mitarbeiter am Studienschwerpunkt Film der HfBK und Regisseur von SLIDE GUITAR RIDE über das One-man-Brachial-Blues-Faktotum Bob Log III (zu sehen gewesen bei UNERHÖRT! 2009), hat Premiere in Duisburg.
Die Prestige-trächtige Duisburger Filmwoche geht zwischen 7. und 13. November 2011 in ihr 35. Jahr und bringt für das Feld der Dokumentarfilmproduktion aus dem deutschsprachigen Raum mal wieder etablierte Namen (heuer: Farocki, Karmakar, Mikesch, Geyerhalter, Glawogger, Heise, Adolph, Specogna, Hübner/Voss, Imbach, Burger und Beckermann) mit jungen Filmemachern in einem diversen Programm zusammen - ein tolles Festival mit hoher Diskussionskultur (s. auch: www.protokult.de), und das für schlappe
25,- EUR Akkreditierungskosten!
Duisburg stellt traditionell hohe Ansprüche an die formalen Aspekte filmischer Arbeit. Ein Film, der hier gezeigt werden will, darf nicht lediglich Behälter für inhaltliche Recherche sein, zumindest das Bemühen um eine Auseinandersetzung mit seinen spezifischen Produktionsmitteln muss erkennbar sein, denn: Echte Durchdringung welchen Gegenstands auch immer erreicht nur, wer ein Bewusstsein von den Möglichkeiten der genutzten Darstellungstechnik entwickelt und dieses Bewusstsein dann auch im konkreten Werk Ausdruck finden lässt.
Für diese Haltung zum Dokumentarfilm liefert Bernd Schoch mit ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT ein an Klarheit kaum zu überbietendes Anschauungsobjekt. Wer sich das Vergnügen der eigenen Entdeckung bewahren möchte, hört hier einfach auf zu lesen...
Den Freejazz des Alexander von Schlippenbach-Trios filmen - an der Aufgabe kann man sich schon mal überheben. Schochs Lösungsvorschlag ist ein ebenso schlichtes wie kompromisslos umgesetztes Konzept. Die 48 Minuten seines Films geben vier Stücke zu hören und zu sehen, vier Stücke von vier Auftritten aus vier aufeinanderfolgenden Jahren, live aufgenommen am immergleichen Veranstaltungsort - eine Art Ritual. Jedes Jahr bekommt seine ungeschnittene Einstellung: 2007 rahmt die Hände von Schlagzeuger Paul Lovens; 2008 beobachtet das Saxophonspiel Evan Parkers, vor allem sein im Rhythmus der Zirkularatmung an- und abschwellendes Gesicht; 2009 wandert von den Pianistenhänden Schlippenbachs zu seinem Mund und zurück. Die vierte und jüngste Sequenz verbindet alle drei Musiker in einer langgezogenen Bewegung, die Kamera bleibt auf dieselben musizierenden Körperpartien gerichtet, nur die Reihenfolge der drei Vorjahre wird umgedreht: Klavier. Saxophon. Schlagzeug.
Dann gleitet die Aufmerksamkeit zurück zum Saxophon und plötzlich, mitten im letzten Stück, legen sich das Schwarzweiß und die grobe Zeilentextur alter TV-Bilder mit drei deutlich verjüngten Herren über die fortlaufende Musik. In der Gestik und Zeitökonomie ganz früheres Kultur-Fernsehen - noch stolz auf die Handhabung der Technik und schon verschreckt durch die Fiktion vom ungeduldigen Zuschauer -, wird über die Hände des Drummers auf die Blähbacken des Saxophonisten, schließlich auf die Hände des Pianisten und von dort auf dessen Kopf geschwenkt.
Das Fragment fließt kurz durch den Film, schnell ist man wieder zurück in der Farbe von 2010, im vierten Stück, das im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern nicht abrupt verlassen wird, sondern ausklingen darf. Ein letzter Schweißtropfen stürzt durch's Gegenlicht, ein flüchtiges Lächeln am Kinn, dann ein harter Schnitt auch hier, der finale.
Doch dieser Zeitpunkt ist vorerst noch nicht gekommen. Bis dahin breitet sich schleichend Begreifen aus: Mit der Einlegearbeit des Archivmaterials hat man gerade den Grundriss des noch laufenden Films gesehen! Indem Schoch diese 1970er-Bildregie-Blickführung in seinen Film integriert, schafft er nicht nur eine historische, sondern auch eine ästhetische Referenz. Er kritisiert in die Jahre gekommene Abbildungsmuster, allerdings nicht durch wütendes Alles-ganz-anders-Machen, sondern durch Verfahrensverbesserung, durch Feststellen des alten Blicks, durch seine Dehnung in der Zeit, durch Konzentration und Insistieren und Innehalten. So destilliert der neue Film aus der angespielten Vorleistung seinen eigenen formalen Aufbau.
Ein wenig lässt er sich auch hypnotisieren vom Geschehen in seinen engen Ausschnitten, vom Tanz der Formen zu einem Klang, der sein Enstehen den Bewegungen eben dieser Formen zu verdanken hat. Ein wenig könnte einem schwindelig werden im Loop dieser Rückkoppelung zwischen Musik- und Filmmachern. Karussell im Kopf, Ahnung von anderen Zuständen.
Die vier Stücke in ABER DAS WORT HUND BELLT JA NICHT sind durch vier minimalistisch-lyrische Bildpassagen voneinander getrennt. Es fällt Schnee. Grau-weiße Landschaft rauscht vorbei. Krähen schwärmen. (Das letzte Album des Trios von 2006 trägt den Titel "Winterreise".) Eine monochrome Kinderzeichnung wird gegen die Leserichtung abgetastet, diesmal: Saxophonist, Schlagzeuger, Pianist.
Zu drei dieser vier Stimmungen teilen die Musiker jeder für sich mehr oder weniger lose Gedanken zu ihrem gemeinsamen Schaffen mit (Sprechreihenfolge: Parker/ts, Lovens/dr, von Schlippenbach/p). Im Off. Keine talking heads, keine Anekdoten und ganz sicher keine Erklärungen; eher Beschreibungen von Strukturen.
Nach Erklärungsansätzen kann man natürlich im Netz fahnden und dann dort z.B. sowas finden (es geht irgendwie um künstliche Intelligenz...):
"Die Beschreibung hat selbst natürlich ganz andere Eigenschaften als das Beschriebene. Das Wort 'Hund' bellt nicht, der Satz 'Ich falle herunter' fällt nicht. Beschreibung und Beschriebenes befinden sich auf verschiedenen Ebenen."
Wenige Musikfilme haben den Unterschied so gut verstanden wie dieser.
Nach Vorführung und anschließender Diskussion, so gegen Mitternacht, spielt Alexander von Schlippenbach ein Solo-Konzert.
Mehr zu Bernd Schoch: www.berndschoch.de (dort auch ein schöner Trailer zum Film)
Mehr zu Alexander von Schlippenbach: www.avschlippenbach.com
Posted by Ralf on 07.11.2011 at 22:40 Uhr
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