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Okt
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Interview mit Stefan Pethke, Programmkoordinator von UNERHÖRT! - Teil 2
- Das UNERHÖRT! Musikfilmfestival: Music and Films for both Sides of the Brain
- Das UNERHÖRT! Musikfilmfestival: Music and Films for both Sides of the Brain
In der letzten Frage (in Teil 1 des Interviews) ging es ja um Deine „Mission“: WELTZUGANG bezogen auf das UNERHÖRT! Festival. Was ist denn das ganz Besondere an UNERHÖRT! in punkto Weltzugang durch Musikfilme?
Da muss ich etwas ausholen: Allen Dingen, die die Menschen so machen, ist eingeschrieben, unter welchen Bedingungen diese Dinge entstehen konnten. Deshalb kann man ja auch dann etwas über den Zustand des Planeten erfahren, wenn man sich mit Briefmarken beschäftigt, mit Kaninchenzucht, Nanotechnik, Fußball oder mit zeitgenössischer Bildhauerei.
Musik wird schon so lange und auf so vielfältige Weise gemacht, und so viele Leute nehmen Anteil an Musik, dass die Darstellung von einzelnen Musikstilen oder Musiker-Biographien oder Formen des Musikkonsums in unterschiedlichen Subkulturen enorm viel miterzählt über die Welt, in der und für die die Musik hergestellt wurde.
Ich stelle mir auch gerne vor, dass das der Grund für eine wachsende Beliebtheit von Spiel- und Dokumentarfilmen rund um das Thema Musik ist. Dass die wieder höher im Kurs stehen, wäre jedenfalls meine Wahrnehmung, nachdem es in jüngerer Vergangenheit jahrelang hieß, Musikthemen befänden sich - z.B. im Fernsehen - im freien Fall.
Für UNERHÖRT! kann das wirklich nur eins bedeuten: Es ist absolut JEDE Art von Musik willkommen! Diese programmatische Offenheit ist für mich DAS Fundament von UNERHÖRT!
Auch wenn UNERHÖRT! für alle Musikstile offen ist: Gibt es Länder, Themen, Filmemacher, die für Dich als Programmmacher besonders interessant sind?
Eigentlich sollte es ja keine Bevorzugungen geben. Doch wie jede Auswahl ist auch das UNERHÖRT! Programm zwangsläufig mitgeprägt von Vorlieben und Neigungen seiner Macher. Da gibt es die eigene Biographie als Einfluss, die Punk- und New Wave-Zäsur, die deutliche Spuren hinterlassen hat als erste Musik, die nicht von einer älteren Generation ausgeborgt werden musste.
Auch das Interesse an sog. "schrägeren" Ansätzen, von diversen Volksmusiken bis zur 12-Ton-Musik, speist sich aus dieser Zeit der persönlichen Entdeckungen und Grenzauslotungen.
Schwarze Musik ist ebenfalls sehr wichtig: Im HipHop zum Beispiel lassen sich doch schon seit geraumer Zeit ziemlich klare Beobachtungen machen zur komplizierten Wechselbeziehung zwischen Underground und Mainstream; man könnte auch sagen: zwischen Prototypen-Produktion in Forschung und Entwicklung einerseits und Massenfertigung für den Handel andererseits.
Und die Bedeutung von HipHop ist ja schon längst nicht mehr auf die USA beschränkt. Spätestens seit den 1990ern ist HipHop so einflussreich wie vor ihm der Rock'n'Roll mit seinen ganzen nationalen Schmalzlocken-Ikonen. Genau: Sido ist der neue Peter Kraus, haha! Im Ernst: Wenn wir alleine die schwarze Musik in den USA als einen Ausgangspunkt (von vielen möglichen anderen) festlegen würden, hätten wir die Geschichte von enorm vielen, inzwischen sehr, sehr unterschiedlichen Stilen zu erzählen.
Selbst im Metal steckt noch genetisches Material vom Blues. Für mich gehört HipHop zu den Musiken, die - nennen wir es mal der Bequemlichkeit halber so - Globalisierung anschaulich machen können, und mich fasziniert der Gedanke, dass in der Musik der Nachfahren von Sklaven dieser ganz große Zusammenhang zur Darstellung kommt. Was wir hier zu hören bekommen, ist auch das Echo einer fürchterlichen jahrhundertelangen Ausbeutung, die maßgeblich daran beteiligt war, dem Planeten sein heutiges Gesicht zu verpassen.
Man muss das nicht unbedingt so sehen wollen, man kann auch einfach Spaß haben und tanzen. Aber wenn einem erst einmal so eine Vorstellung im Schädel rumhüpft, ist sie nicht mehr totzukriegen:
Ein bestimmter Beat begleitet den gigantischen globalen Warenstrom, verbindet sich, vermischt sich, verändert und erneuert sich immer wieder, breitet sich aus wie eine rachsüchtige, impfungsresistente Pandemie und trägt seine Botschaften von Schmerz, Trauer und Hoffnung in die Welt.
Solche Bewegungen will UNERHÖRT! nachvollziehen, mit Filmen, die uns zeigen, wie Musik in diesen Prozessen entsteht und besteht, weiterbesteht.
Man kann es nur immer wieder gebetsmühlenartig wiederholen: Ob sie will oder nicht, Musik bezieht auch tagespolitisch Stellung - nicht selten auf unmittelbarere Art als die Fernsehübertragung einer Parlamentsdebatte. Erinnern wir uns an den vielzitierten Ausspruch von Chuck D., dem Kopf der Rap-Band Public Enemy, wonach Rap das CNN der Schwarzen ist. Allgemein ausgedrückt:
Musik als Hintergrundberichterstattung aus besonderer Perspektive.
Nach dieser bildgewaltigen, sehr viel Herzblut zeigenden Antwort nun zum Thema Filmemacher-Nachwuchs: Was bedeutet bzw. wie wichtig ist für Dich Nachwuchsförderung?
Bei Kraftwerk heißt es an einer Stelle: "Es wird immer weitergehen: Musik als Träger von Ideen." Dem wollen wir besonders mit unserem NEW TALENTS Programm Rechnung tragen, d.h. wir wollen regelmäßig schauen, welche Vorschläge junge bzw. neu beginnende Filmschaffende zu machen haben; welche Sichtweisen Filmemacher anbieten, die sich noch nicht so lange mit den Gestaltungsmitteln des Films befassen.
Wir wollen Neues und Ungewöhnliches unterstützen, ein Forum schaffen, auf dem diese Filme gezeigt und diskutiert werden können.
Deshalb verfolgen wir auch die zukünftigen Projekte der mit uns verbundenen Nachwuchsfilmer und versuchen, sie nach unseren Kräften zu unterstützen, z.B. beim Anbahnen von Branchenkontakten.
Wir laden "unsere" Filmemacher darüber hinaus ein, sich in unserem Blog zu Wort zu melden und z.B. über neue Projekte zu berichten, wie z.B. Julian Neville, dessen Film LOWLIGHT - Teilnehmer des Nachwuchsprogramms 2008 - wir kürzlich ein zweites Mal gezeigt haben, im Rahmen der 1. UNERHÖRT! Nacht.

LOWLIGHT, ein sehr persönlicher Dokumentarfilm von Julian Neville über die NYC-Clubszene
Bevor wir zum Festival 2009 kommen, noch ein kurzer Rückblick auf die 2. Ausgabe des UNERHÖRT! Festivals. Welche Filme waren besonders erfolgreich und warum – Deiner Meinung nach?
Oh je, damit kommen wir zum Lieblingsthema aller Kinobetreiber, zum „unbekannten Wesen“ des Zuschauers. Definieren wir "Erfolg" einmal ganz einfach, indem wir uns an den Zuschauerzahlen orientieren (es gibt noch weitere Kriterien für Erfolg, aber dazu ein anderes Mal). Dann sieht man - und man braucht daraus auch keinen Hehl zu machen -, dass sog. große Namen Publikum generieren.
Letztes Jahr waren das zum Beispiel die beiden historisierenden Band-Porträts BLONDIE - ONE WAY OR ANOTHER und JOY DIVISION oder die Metal-Doku GLOBAL METAL.
Matt O'Casey, Regisseur von BLONDIE - ONE WAY OR ANOTHER beim UNERHÖRT! Festival 2008
Ende von Teil 2. Teil 3 befasst sich mit der 3. Ausgabe des UNERHÖRT! Musikfilmfestivals im Dezember und folgt in wenigen Tagen. Stay tuned!
Christine
Posted by Christine on 27.08.2009 at 18:01 Uhr




