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Sonderprogramm "Stilles Land?" - Fokusthema "20 Jahre Mauerfall"
Das UNERHÖRT! Musikfilmfestival Hamburg möchte mit einem Teil seines Festivalprogrammes vom 3. - 6. Dezember 2009 einen Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls herstellen.

Das möchten wir mit dreierlei Sorten von Filmen tun:

1. Sichtbarkeit und Gedächtnis



Als "west-deutsches" Festival ist es uns ein Anliegen, eine Sichtbarkeit für Vorgänge in der ehemaligen DDR zu fördern und gleichzeitig einen konkreten Beitrag für eine notwendige gesamtdeutsche Gedächtniskultur zu leisten: Um den beliebten Spielfilm Konrad Wolfs "Solo Sunny", selbst ein erhellendes Dokument zum Alltag des Musikbetriebs unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus, haben wir ein kleines Paket geschnürt, mit dem ein komplexerer Einblick in die DDR-Lebenswirklichkeit möglich wird.

Dazu gehört eine Auswahl von im Westen bis heute nahezu unbekannten DEFA-Disco-Filmen; jenen in etwa Clip-langen Kurzdokumentationen, deren Gattungsbegriff nicht das gleichnamige Musikgenre bezeichnet (obwohl es in den Clips weitgehend um Musiker geht!), sondern der darauf verweist, wo die Filme gezeigt wurden, nämlich im modernen Tanzlokal.

Ein abendfüllendes Programm dieser Disco-Filme gibt uns eine Vorstellung von der interessanten Mischung aus "Zielgruppen-spezifischer" politischer Indoktrination und künsterischem Ausdruckswillen (sowohl musikalisch als auch filmisch) sowie allgemein von der konkreten Wechselbeziehung zwischen Kino, Popmusik und Macht.

Begleitend zu "Solo Sunny" zeigen wir die Dokumentation "Solo für Sanije", die 2009 fertig gestellt worden ist und die die Wolfs Spielfilm zugrunde liegende wahre Geschichte einer Unangepassten nacherzählt.

Dem stellen wir zwei Beispiele für eine DDR-Subkultur gegenüber: Im Film "Achtung! Wir kommen" - übrigens bisher noch nie in den alten Bundesländern gezeigt - geht es um die jüngere, an Punk orientierte musikkulturelle Opposition des Prenzlauer Bergs und ihre Folgen, um ein Netzwerk, in dessen Zentrum die Band Feeling B stand (aus der bekanntlich die heute sehr erfolgreichen Rammstein hervorgegangen sind).

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"Hans im Glück" konzentriert sich auf eine aus diesem Umfeld stammende Persönlichkeit und folgt ihr in eine alles andere als blühende Wiedervereinigungsgegenwart: Hans Narwa, u.a. Musiker bei Herbst in Peking und The Inchtabokatables.

Den Sonderfall des Fan-Films stellt die britische Produktion "The posters came from the walls" dar. Hier geht es um die internationale Fan-Gemeinde der Gruppe Depeche Mode. Weil diese extrem beliebt waren in der ehemaligen DDR, gibt es lange Sequenzen im Film v.a. über eine DM-verrückte Kleinfamilie.

Von einem ostdeutschen DM-Fan kommt auch der Titel-gebende Ausspruch, der ein Gefühl in gebrochenem Englisch zu beschreiben versucht, das man sich als nicht zu unterschätzende Freiheitserfahrung vorstellen muss: Plötzlich stehen Menschen, die bisher auf Photos an der Zimmerwand hingen, in Fleisch und Blut vor einem auf der Bühne - Systemwechsel formuliert Zugangsversprechen (und löst sie manchmal ein...).

2. Das westdeutsche Pendant



In zwei Filmen aus und vor allem auch über West-Berlin möchten wir ein Bild der "Gegenseite" zur Verfügung stellen. "Okay okay - Der moderne Tanz" stellt ein filmisches Experiment dar, das mit seiner grauen Frontstadt-Ästhetik eine bildsprachliche Entsprechung zu den Kunst-Punk-Sounds diverser im Film präsentierter Musikgruppen (vorwiegend aus England) findet.

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Im Musiker-Porträt "Das letzte Biest am Himmel" wird mit Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) der vielleicht einflußreichste Protagonist der West-Berliner 80er-Jahre-Szene vorgestellt, der hier in unerreichter Offenheit Auskunft über einen untrennbar mit der Stadt verbundenen Karriereverlauf gibt.

3. Historische Voraussetzungen



Was sich wiedervereinigen konnte, muss einmal getrennt worden sein. Mit zwei Filmen möchten wir daran erinnern, dass der Spaltung Deutschlands eine verheerende Herrschaft der Nationalsozialisten vorausging.

Sowohl die österreichische Produktion "Schlurf" über die Widerstandsform des Swing-Kults, als auch die holländische Produktion "Black eyes"über die rätselhafte Biographie des ukrainischen Tango-Stars Pjotr Leschenko, dessen verschlungener Lebensweg zwischen den 30er und 50er Jahren in Zentral- und Osteuropa hier parallel erzählt wird zur Geschichte des Verschwindens niederländischer homosexueller Tangofans in deutschen Konzentrationslagern, untermauern den zentralen Anspruch des UNERHÖRT! Musikfilmfestivals: über Musik und Film größere Zusammenhänge anschaulich machen!

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Um den Rahmen noch etwas weiter zu spannen: Mit "Dem kühlen Morgen entgegen", einem semi-dokumentarischen Film über das Leben Schostakowitschs, können wir einen Vergleich zu den Verhältnissen in der UdSSR herstellen - im Übrigen spielt hier niemand geringeres als Armin Müller-Stahl einen Regisseur, der im Begriff ist, einen (diesen?) Film über "Stalins Komponisten" zu machen.

Und wenn man so will, hätten wir mit "Leningrad", einer aktuellen Band-Chronik von absolutem Underground-Status zum Massenerfolg, eine Brücke geschlagen zum zeitgenössischen Russland.

Stefan Pethke

(Fotos: offizielle Pressefotos der jeweiligen Filme)

Posted by Christine on 31.10.2009 at 18:06 Uhr
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